Beirut & Lebanon (C) Schwarzrosagold

Beirut & Lebanon (C) Schwarzrosagold

Der Libanon ist kaum als Urlaubsland bekannt. Aber wer sich von politischen Turbulenzen nicht abschrecken lässt, stößt auf eine der lebendigsten Homoszenen innerhalb der arabischen Welt

Der Liba non ist voller Gegensätze und Überraschungen: In der Hauptstadt Beirut steht neben der größten Moschee die christliche Kathedrale, in unmittelbarer Nachbarschaft werden phönizische Ruinen ausgegraben. Im Zentrum stehen moderne Wolkenkratzer neben ausgebombten Wohnblöcken aus den 60ern. Große Einkaufsstraßen wie Hamra Road werden von Straßensperren unterbrochen, an denen junge Soldaten den Ausweis kontrollieren. Und wer weiß schon, dass man in den Bergen Wintersport betreiben kann und es im Februar sogar eine Gay- Ski-Week und zu Neujahr in den Resorts wilde Partys gibt?
Im Ausgehviertel Gemmayzeh schmiegen sich mondäne osmanische Villen mit violett blühenden Bäumen vor der Tür und französische Bürgerhäuser an die Hänge der hügeligen Gegend, dazwischen liegen internationale Restaurants und Designerbars wie das „Central“. Man trifft sich in schicken Malls, nimmt einen Zug aus einer Designwasserpfeife aus Edelstahl und isst lieber Burger und Pommes anstatt die Traditionsgerichte Shawarma, Kibbeh oder Taboulé, den leckeren Petersiliensalat. In den Apotheken werden Schlankmacher beworben, und an der Mittelmeerpromenade Corniege joggen sich die Einheimischen ihre Pfunde ab. Das weich und melodisch klingende Arabisch wird mit englischen Worten durchmischt: „Oh honey, come on!“ Fastfood und Croissants, dazu der Dollar, der im ganzen Land die offizielle Zweitwährung ist – kein Wunder, dass man sich in dieser Ecke des Nahen Ostens am liebsten gleich in drei Sprachen begrüßt: Hey, Kebir, Ça va.
Durch die chronisch verstopften Straßen Beiruts quälen sich riesige SUVs, vor allem BMWs und Porsche Cayennes. Der Verkehr kennt kaum Regeln, wer zuerst kommt, fährt zuerst. Nur der Polizei in ihren noch größeren Wagen mit dunkel getönten Scheiben und futuristisch roten und blauen Dioden auf dem Dach wird Vorfahrt gewährt. Die libanesische Bevölkerung besteht aus einem Mix unterschiedlicher Völker und Religionen, darunter Christen, Maroniten, Drusen, Armenier, Schiiten und Suniten.  Zudem kommen Menschen aus der gesamten arabischen Welthierher. Man genießt die Freiheiten und die Sicherheit, die es zu Hause in der islamistisch geprägten Heimat nicht gibt. Auch deshalb besuchen viele Schwule aus den Nachbarländern und den Golfstaaten den säkularen Zedernstaat, obwohl es immer noch ein Gesetz gibt, mit dem sexuelle Handlungen, die „wider die natürliche Ordnung verstoßen“, bestraft werden können. „Seit einigen Jahren gibt es kaum noch Übergriffe durch die Polizei“, erzählt Georges Azzi. Er arbeitet für die libanesische Schwulenund Lesbenorganisation „Helem“ (= Traum).
Schwule und Lesben müssen im Libanon stets eine Gratwanderung zwischen Moderne und Tradition wagen. Im geschützten Bereich von Bars und Cafés wie dem „Wolf“ oder „Bardo“ gibt es Freiheiten, aber vor allem in der Öffentlichkeit muss Diskretion gewahrt bleiben. Bertho, ein Freund von Georges und Veranstalter von Reisen für Schwule und Lesben in der Region, spielt dieses Spiel perfekt. Er trifft sich gerne mit Freunden im „Columbus“, einem Restaurant in der Abbesey Shopping Mall. Zwischen den vielen Jugendlichen und Familien sitzen überall Schwule. Man lästert über diesen und jenen, kennt alle Profilnamen aus einschlägigen Datingportalen und weiß, wer in welchem Fitnessstudio ist oder seinen eigenen Personal-Trainer hat. Auf Englisch redet man sehr geredet, auf Arabisch muss man vorsichtig sein – vor allem, weil sich arabische Homos gerne mit der weiblichen Form anreden, erklärt Bertho. „Das lieben wir und zicken uns damit an.“ Einheimische müssen bei zu viel Offenheit mit Schwierigkeiten in der Familie rechnen. Fast jeder wohnt nämlich noch bei den Eltern. Ein Coming-out haben die wenigsten, nicht am Arbeitsplatz und schon gar nicht in der Familie. „Helem“ betreut viele Jugendliche, die den Schritt dennoch gewagt haben und deshalb von der Familie verstoßen wurden.
„Man muss diskret bleiben. Wenn nichts offen ausgesprochen und vor allem der Schein gewahrt bleibt, ist es einfacher. Wir raten den Jugendlichen, ihr Coming-out nicht zu überstürzen“, sagt Georges Azzi. In den letzten Monaten, nach dem Ende der Blockade der Innenstadt im Mai durch die Hisbollah, hat sich die Lage auch für Schwule weiter entspannt. Der 20-jährige Jad meint, dass immer mehr Schwule in der Öffentlichkeit sichtbar sind und die ganze Atmosphäre in der Stadt freier geworden ist. Aber auch in den rein schwulen Locations sollte man bestimmte Regeln beachten. In schwulen Hamams wie dem „Chehrazade“ darf man zum Beispiel im äußeren, einzusehenden Bereich nicht mit freiem Oberkörper herumlaufen. Was dann aber hinter verschlossener Tür passiert, ist (fast) egal. Für ein gewisses Trinkgeld bekommt man auch die Schlüssel für einen abschließbaren Raum.
Im „Bardo“, das im westlichen Stadtviertel Hamra neben der armenischen Universität liegt, ist die Atmosphäre sehr entspannt, man ist unter sich und muss nicht so diskret sein. Zur Mittagszeit ist es in dem Café-Restaurant angenehm ruhig. Damit ist es am Abend schnell vorbei. Die Musik wird aufgedreht, und die Tische füllen sich, es wird laut palavert und gelacht. Nach einem leckeren Dinner mit mediterraner Fusion-Küche schlürft das meist junge Publikum Cocktails und tanzt zu Mika und Madonna. Ausgesprochen gut aussehende Lesben und perfekt gestylte Jungs reden Französisch und werden von anderen als „Nouvelle Riche“ belächelt. Zu enges Tanzen oder Knutschen ist selbst in schwulen Clubs nicht gern gesehen. Im „Milk“ geht die Security dazwischen,
wenn es zu eindeutig wird. Die Grenzen von dem, was noch okay ist und was nicht, verschieben sich allerdings im Laufe eines Abends. Wenn nach vier Uhr morgens sich einige angeheiterte Jungs fast ausziehen, greift kein Türsteher mehr ein. Größer und wilder als im „Milk“ geht es im „Acid“ zu. An einem
Hang im Osten Beiruts feiern am Wochenende an die 800 Leute bis zum Morgen. Auf den Podesten tanzen feminine, geschminkte Jungs neben Lesben im Laserlicht. Die Bären stehen etwas abseits und ein paar Transen an der Bar. Vor dem Eingang treffen sich alle zum Tratschen und Lästern, es gibt Beziehungsdramen, die lautstark ausgefochten werden, andere kämpfen mit ihrem Rausch. Sobald die Musik aber mit arabischem Dancepop weitergeht, rennen alle wieder rein und feiern noch heftiger.Extrem freizügig geht es dagegen auf riesigen Hetero-Raves zu, die mehrmals im Jahr stattfinden. Hier ist fast alles erlaubt: Die T-Shirts verschwinden, es wird wild geküsst – bei Homos und Heteros.
Wer es nach einer durchtanzten Partynacht früh aus dem Bett schafft, kann den Sonntag am Pool des edlen St. Georges Yacht Club verbringen und die braun gebrannten Modelkörper anschauen, die auf weißen Betten liegend eisgekühlten Rosé-Wein schlürfen. Beirut selbst hat keine Strände, man kann nur von den Felsen an der Küste ins Meer springen oder ins 50 Kilometer entfernt gelegene Byblos (Jbail) fahren. Südlich der Altstadtruinen, die zum Teil 5000 Jahre alt sind, gibt es Sandstrände wie den Paradise-Beach, der im Sommer überfüllt mit Schwulen ist.
Die Schwulenszene sollte allerdings nicht unbedingt der Hauptgrund für eine Reise in den Libanon sein. Für Christian aus Berlin, der zum ersten Mal seinen Urlaub hier verbringt, sind die historischen Sehenswürdigkeiten die größten Attraktionen des Landes: „Die Szene ist zwar um einiges aufregender als zum Beispiel in Kapstadt, aber ich habe noch nie so etwas Grandioses wie Baalbek gesehen.“ Die Ruinen dieses größten römischen Tempels aller Zeiten in der Bekaa-Ebene oder die Marienstatue von Harissa kann man auf Tagesausflügen besuchen. Zwar ist das im Libanon mit Taxis möglich, auch in die Stadt Byblos kann man sich mit Bussen durchschlagen. Aber es gibt manche berraschungen
bezüglich Fahrwegen, -zeiten und -preisen. Auch die Verständigung mit den Fahrern kann unter Umständen schwierig sein. Wer sich die Mühe ersparen will, sollte organisierte Touren buchen.
Bertho hat sich als studierter Kunsthistoriker auf diese Touren eigens für Schwule spezialisiert. Zudem ist Beirut auch ein perfekter
Ausgangspunkt für Reisen in die Nachbarländer Syrien und Jordanien. Nur zwei Autostunden entfernt liegt die syrische Hauptstadt Damaskus mit ihrer wunderschönen Altstadt: Paläste, die Ummayyaden-Moschee, von Wein bewachsene Gassen, in denen man Kaffee trinken kann oder Wasserpfeife raucht. Etwas weiter liegen riesige Ruinenstädte wie Palmyra oder Bosra, Kreuzfahrerburgen wie der Krak des Chevaliers und die Suqs von Aleppo – die Liste der historischen Sehenswürdigkeiten ist fast unendlich lang. In keiner anderen Gegend der Welt haben Babylonier,
Assyrer, Phönizier, Römer, Byzantiner, Kreuzfahrer und Araber so viele Zeugnisse so nah beieinander hinterlassen. Wer etwas von der schwulen Szene in Syrien oder Jordanien erfahren will, die sich sehr versteckt zwischen Abenteuern in Hamams und ein paar modernen Cafés abspielt, ist mit einem schwulen Reiseführer wie Bertho auf der sicheren Seite. Und wird ein ihm wohl völlig unbekanntes Bild des Nahen Ostens bekommen.

www.lebtour.com