Ostsee (C) Schwarzrosagold

Ostsee (C) Schwarzrosagold

Dem Trubel entfliehen, raus aus der Großstadt, keinen typischen Homourlaub machen – entspannen. Gerade der Sommer ist die perfekte Gelegenheit zu entdecken, dass das Gute so nah liegt. Warum nicht mal in Deutschland baden gehen? Nur zwei Stunden mit dem Auto von Berlin oder Hamburg, und man kann in die Fluten der Ostsee springen.Rügen und Usedom sind schon keine Geheimtipps mehr, aber der Darß scheint der ideale Ort für ein entspannendes Wochenende zwischen den anstrengenden CSDs.

Die Halbinsel erstreckt sich nordöstlich von Rostock ins Meer und die Landverbindung trägt den Namen Fischland. Dabei sollte man das frisch gefangene Abendessen im Kopf haben und andere Gedanken verdrängen.

Ahrenshoop wäre vermutlich schon in den 20er Jahren ein beliebtes Ziel für schwule Reisende gewesen, denn Künstler aus Berlin und Dresden siedelten sich hier an. Das Dorf entwickelte sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Künstlerkolonie – und ist es bis heute. Überall werden Ausstellungen angepriesen, es gibt Konzerte, Jazzbrunch, eine Modenschau und über die schmale Hauptstraße flanieren erstaunlich viele Menschen, die einen Tick besser gekleidet sind, als man es sonst von der Ostsee gewohnt ist. Die beiden gediegenen, Händchen haltenden Herren fallen erst gar nicht auf, um so mehr überrascht sind es, am Nachmittag noch ein paar andere Schwule entdecken.

Der Darß ist nicht günstig, und das Künstlerquartier Seezeichen ist sicher eines der besten Hotels auf dem Darß. Dafür findet man hier etwas, das man kaum sonst irgendwo findet – ein liebevoll und individuell geführtes Hotel mit moderner Kunst an den Wänden und – für Langschläfer ganz wichtig – Frühstück bis 13h, serviert wo immer man will, egal ob auf dem Zimmer, im gemütlichen Restaurant, auf der Terrasse oder im Strandkorb. Ein großer Wellnessbereich und ein Fitnessraum, der bescheiden genug ist, die Betonung auf Entspannungsurlaub zu legen. Essen ist sicher eines der Höhepunkte im Seezeichen – was die (lesbische) Küchenchefin auf den Teller zaubert sucht seinesgleichen.

Aber je besser das Essen ist, um so mehr treibt es tagsüber in die schöne Natur, egal ob mit dem Fahrrad durch den lichten Wald, auf dem Pferd durch die Dünen und Marschlandschaft oder ganz einfach zu Fuß am kilometerlangen Weststrand. Die Küste wird nach Norden hin immer einsamer und zusammen mit dem Wald, der bis über die Dünen mit knorrigen Stämmen reicht, stellt sich ein Gefühl von Südfrankreich ein. Die Gerüche von Kiefern und dem Meer beamen fast wie auf Knopfdruck auf Urlaub und man möchte direkt in die Fluten springen. Mit oder ohne Badehose – bei 8° Wassertemperatur im Frühling ist man danach zum ersten Mal froh, keine anderen Jungs beeindrucken zu müssen…

Vielleicht noch ein bisschen am Strand joggen, danach einen Kaffee und frischen Erdbeerkuchen im Strandkorb und abends nach der Sauna vor dem Kamin einen gediegenen Rotwein trinken.

Die pure Entspannung, die man in sich eingezogen hat wird jedoch ein paar Kilometer südlich in Warnemünde, einem Vorort von Rostock verwirrt. Die erste Überraschung ist der Strand: Extrem breit, weißer Sand und überall Menschen, vor allem junge. Die Nordostdeutsche Jugend scheint öfter ins Fitnessstudio zu gehen, als die vergleichbare Altersgruppe in Süddeutschland. Überall laufen Zwanzigjährige ohne T-Shirt herum und sonnen sich mit ihren Mädels und schlürfen Cocktails und Eis. Südfrankreich ist jetzt eher Ibiza.

Im Westen endet am Strandaufgang 26 der Textilstrand und – wie fast überall auf der Welt – am Ende des FKK-Bereich, wo es am schönsten ist, finden sich die Schwulen. Bei Stoltera, am Aufgang 34 reihen sich nackte Homos aneinander und schalten den Kopf wieder vollständig um von Erholung auf CSD-Sommer.

Auf der anderen Seite der Warnow-Mündung liegt Markgrafenheide und mit dem Fahrrad oder zu Fuß am Strand kommt man nach 30 Minuten zu einem besonderen Platz, der von allen in Rostock empfohlen wird, dem Rosenort. Was nur als eine Picknickstelle mit eine Kreuzung von ein paar Wanderwegen und rustikalen Holztischen gedacht war, entwickelt sich im Spätsommer zu einem perfekten Platz zum Cruisen. Hinter den Dünen herrscht Hochbetrieb. Gustav, der in einem Hotel in Warnemünde arbeitet, hatte vor ein paar Jahren die Stelle per Zufall entdeckt, als er am Strand entlang spazierte. In der unberührten Natur Spaß zu haben, kann auch zu merkwürdigen Begegnungen führen, denn einmal lief ihm ein Reh über den Weg und blieb stehen: „Ich renn da mit einer Riesenlatte rum und auf einmal schaut mir Bambi tief in die Augen“.

Noch etwas weiter, weiß Gustav, westlich von Graal-Müritz, in der Nähe eines großen Camping Platzes, braten Nackte in der Sonne. Unter Einheimischen ist bekannt, dass dort besonders viel „Eye-Candy“ zu bestaunen ist. Zwar sind wenig Schwule unter den Fitnessstudio-Jungs, aber das Zuschauen lohnt sich.

Nach einem leckeren Abendessen mit viel frisch gefangenem Fisch überwiegt die schwule Entduckungslust: Drei Bars sind im Spartacus gelistet. Es gibt zwar keine schwulen Clubs, aber einige Partyreihen. Schizophonic lockt mit Elektro und rockigen Schrabbelbeats zu denen Indyboys tanzen. Etwas ganz anderes als die Schlager geschwängerte Pink Party in der Baccio Lounge und im Moya feiert man(n) wohl noch gerne GAYmeinsam, denn jeden Samstag „Nacht-GAY-Flüster“ – why not?

Nicht nur zum CSD oder zur Hansesail, wenn die Küste von Touristen überläuft, sind die Clubs voll, auch zu Weihnachten ist die Hölle los. Die nach Berlin und Hamburg ausgewanderten Schwulen sind zum Familienbesuch heim gekehrt und müssen sich in den heiligen Nächten den Gänsebraten abtanzen.

Über die Wintermonate entwickelt die Ostsee dagegen einen ganz eigenen Charme, dann ist es wirklich ruhig: Sauna, Wellness, am Kamin sitzen, Schnee am Strand – um den Reizen des Homolebens wirklich zu entkommen, ist der Winter sicher die bessere Zeit.

First published 2010 in Spartacus Traveler