Wenn Sybille Berg im Spiegel über das neue Jahr philosophiert, hat das schon einen gewissen Unterhaltungswert. Aber erst wenn die Titanic sie neu interpretiert, erreichen ihre Gedanken wahre prophetische Größe. Also hier erst  der Prophet, und dann die Berg:

Gackerdigack (der Original-Titanic Text)

Wie man’s macht, macht man’s falsch, findet unsere Kolumnistin und erwartet für diesen Nichtgedanken das übliche viele Geld. Mein Bett stinkt. Ewig nicht gemacht, zuletzt, als Rüdiger an Heiligabend diesen Blasenkrebs hatte. Meine Güte. Der Weihnachtsbaum ist lange tot, so abgebrannt wie alle. Auch Rüdiger ist tot. Totgeschlagen. Mit 20 Franken in die Kronenhalle, was hat er auch erwartet? Alle Menschen müssen sterben, auch im neuen Jahr. Weihnachten ist passé. Da nützen alle Vorsätze nix. Auch der Januar ist schon wieder tot, so tot wie meine Vorsätze. Vorsätze, die Hoffnung der Kapitalisten. Jedes Jahr nehme ich mir vor, mal intensivst über mich nachzudenken. Aber über diesen einen Satz komme ich schon gar nicht hinaus. So gut wie alles an ihm ist falsch, beim nachdenken fängt das schon an. Auch intensivst geht im Grunde gar nicht, weil uns ennuyisierte Urbanistikerinnen das völlig aus unserem Kreativ-Konzept brächte. Und das heißt: Tippeltipptipp. Alles muß raus, schnell. Das ist modern. Kinder, Krebs, Karibik. Die Welt ist schlecht und seltsam drauf. Zusammenhänge sind was für Leute, die, egal. Wir leben nun mal nicht in einer Hollywood-Komödie mit Charlton Heston, und der Potsdamer Platz ist nicht der Meat Packing District. Was das heißt? Wer’s nicht weiß, muß fühlen. Irgendwie ist eh alles austauschbar. Auch Rüdiger. Er ist nicht tot, er ist nur vorausgegangen. Sagt man nicht so? Aber wer ist man? Dumm gelaufen. Laufen wollte man im neuen Jahr, eine Fremdsprache lernen (Deutsch), mal besser aussehen und nicht immer so gräßlich geistlos herumhühnern. Mal was Sinnvolles tun, einen Kuchen backen, still im Kühlschrank sitzen. Laubrechen. Aber wo kriegt man jetzt Laub her. Rüdiger sagt (er ist doch nicht tot, nur blaß), Armut ist ein Glanz aus Innen. Jetzt weiß ich, warum meine Stirn immer so glänzt. So geht es hin. Noch ein Wort, noch ein Komma, wieder ein Satz fertig. Fabelhaft. Vielleicht ist der Kapitalismus ja doch nicht so schlecht. Für die Unqualifizierten sorgt er doch ganz prima. Neuer Vorsatz: Alles so lassen. Wer macht mit?

und zum direkten vergleiche die Originale Sybille Berg in Spiegel-Online

Himmel, ist das alles elend

Da wachen sie auf, kriechen aus ungemachten Betten. Wie die riechen nach zwei Wochen! Lüften, ja, man könnte lüften. Fenster auf. Meine Güte. Wie sieht das hier aus! Der Weihnachtsbaum ist abgebrannt. Hat das denn keiner gemerkt? Rüdiger hast du nicht gemerkt, dass der Baum brennt. Rüdiger? Rüdiger liegt im Bett. Er ist tot. Vielleicht schläft er auch noch, eine Gänsekeule ragt aus seinem Mund. Oder aus dem Bauch. Kinder. Was machen die Kinder? Gott sei dank, wir haben keine Kinder, sonst wäre das ganz, ganz dumm gelaufen.Die Brückentage, Weihnachten, Silvester – jedes Jahr das selbe Elend. Nach zwei Tagen beginnt der Mensch das Verrotten. Er hat genug Filme gesehen, die in New York, irgendwo um den Gramercy Park spielen, mit gut aussehenden Menschen, die in verrückten Buchverlagen arbeiten. Rüdiger, so sag doch was. Morgen geht die Arbeit wieder los. Nicht in einem kleinen Buchladen in New York, sondern in einer Rückversicherungsgesellschaft in Spandau. Großraumbüro. All die alten Nasen werden wieder da sein, mit ihren Keksen und ihren Fotos, der Baum, sie wissen schon, und das ist meine Nichte. Das neue Jahr. Es wird genauso weitergehen wie das alte geendet hat. Furchtbar. Rüdiger hustet. Er lebt. Er ist Ingenieur. Am sich umorientieren. Schnupperkurs in der KFZ-Branche. Himmel, ist das alles elend. Die Frau torkelt ins Bad, das Grauen. Zehn Kilo mehr, und alle im Gesicht. Aus dem Hals könnte man zehn Hälse für Afrika machen. Überall diese Pizzaschachteln, Truthahnüberreste in der Küche. Schokolade klebt am Sofa. Das hatten sie jetzt vierzehn Tage nicht verlassen. Aber wo sollen Leute wie sie denn Weihnachten auch hingehen, in Berlin? Alle sind zu Hause in Schwäbisch-Gmünd, die Weltstadt geschlossen. St. Barth liegt nicht drin. Bleich sinkt sie aufs Bett. Sie muss einen Vorsatz fassen. Viele Vorsätze, für das neue Jahr, das von draußen träge in die Wohnung schaut und mit dem Paar eigentlich nichts weiter zu tun haben will. Ich muss Sport machen, sagt Rüdiger. Weniger essen, begeisterungsfähiger werden. Neugierig wie ein junger Luchs in die Rückversicherungsagentur federn und dem Chef mal so richtig sagen… Ja, was denn nur? Weniger trinken. Aber wer soll denn zehn Grad Minus und einen bleigrauen Himmel ohne einen gepflegten Rausch ertragen? Vorsätze. Die Hoffnung der Müden, der Zahnräder des Kapitalismus, der Basis des Staates, dass sich das Schicksal mit einem Mantra der Besserung zum Guten wenden würde. Vorsätze, der Pakt mit dem Universum. Ich werde abnehmen, mich disziplinieren, ich werde den Iron Man mitmachen, und dann musst du, Schicksal, mich belohnen. Mit einem Leben das sich nicht anfühlt wie Beutelsuppe schmeckt. Ein kleiner Deal, komm schon! Aber da kommt keiner. Da ist keiner zu Hause im Himmel, das war ein Märchen, der Gott, das Schicksal, das Karma – ein Märchen. Und es wird alles genauso weitergehen. Endlich eine Sprache lernen, schreibt sie auf die Liste. Und dann schläft sie ein, Frohes neues Jahr, murmelt das neue Jahr angeekelt durch das Fenster.